Angriff im Morgengrauen
Der Tag begann so harmlos. Um sieben riss mich der Wecker aus dem Schlaf – Zeit für meinen Berglauf in der klaren Morgenluft. Doch bevor ich losging, setzte ich mich mit einer Tasse Kaffee an den Tisch und blickte hinaus auf die Terrasse.
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| Morgens um 7: kühle Bergluft und entspannendes Grün |
Plötzlich – ein Rascheln. Ein heftiges Schwingen der Äste. Aber kein Wind regte sich. Ich trat näher ans Fenster. Zwei junge Affen huschten über die Zweige. Nichts Besonderes, dachte ich, die Kleinen tollen hier öfter herum. Doch dann tauchten weitere auf. Drei. Vier. Immer mehr.
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| Zum Knuddeln |
Die Jungen waren nur die Vorhut. Harmlos und putzig. Aber bald zeigten sich auch die Großen. Sie hockten auf den Ästen, starrten mich an – reglos, wachsam. Immer wieder sprang einer auf, schwang sich ein Stück näher, als wolle er den Abstand verkürzen.
Ein Bild aus dem Western, den wir gestern gesehen hatten, schoss mir durch den Kopf: Weiße Siedler in ihrer einsamen Farm, umzingelt von Indianern, die kreischend ihre Runden ritten. Nur dass jetzt ich der Belagerte war.
Mir wurde kalt. Freunde hatten kürzlich ein böses Heimkommen erlebt. Ein offenes Fenster im ersten Stock – und die Affenmeute hatte ihr Haus verwüstet. Fernseher vom Regal gerissen, Schränke geleert, Geschirr zerschlagen. Ein chaotisches Schlachtfeld. Gegen diese Plünderer sind Einbrecher fast schon Gentlemen: Sie nehmen, was sie wollen, und verschwinden.
Ich rannte durchs Haus, verriegelte Türen und Fenster, griff nach Regenschirmen – die einzige „Waffe“, die ich zur Hand hatte. Baseballschläger haben wir noch keine, aber das wird sich ändern.
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| Wildes Gerenne und Geraufe. Was soll man auch von Teenagern erwarten? |
Unser Wohnzimmer ist eigentlich ein architektonisches Schmuckstück: ein offener Lichtschacht vom Erdgeschoss bis zum Glasdach im zweiten Stock. Herrlich für das Raumklima – unten angenehme 26, 27 Grad, oben deutlich über 30. Doch jetzt war mir die Konstruktion unheimlich. Oben die Wassertanks, die Wärmepumpen – und irgendwo dazwischen die Affen. Wenn sie einen Weg hinein fänden, wäre alles verloren.
Dann die Geräusche. Dumpfes Poltern. Kratzende Schritte. Sie waren auf dem Dach. Minuten dehnten sich zu einer Ewigkeit.
Plötzlich erschien ein großes Männchen. Es kam langsam näher, Schritt für Schritt, das Fell glänzte, die Muskeln spannten sich unter der Haut. Ich trat hinaus auf den Balkon, sprang, schrie, fuchtelte mit dem Schirm. Keine Reaktion. Er blieb stehen. Schaute mich an. Und grinste.
In Panik klatschte ich in die Hände. Ein scharfer Knall hallte durch die Luft. Der Affe zuckte zusammen. Ich klatschte erneut. Wieder. Wieder. Endlich wandte er sich ab, trottete langsam zur anderen Straßenseite. Der Rest der Bande folgte ihm widerwillig, ein Schattenzug, der im Wald verschwand.
Stille.
War es wirklich vorbei? Ich blieb noch lange stehen, horchte, wagte kaum zu atmen. Dann erst kehrte ich ins Haus zurück. Meine Hände zitterten, als ich die Kaffeetasse ergriff.
Zeit für einen Schluck Normalität.



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