Eine Zeitreise: beim Friseur
Die Zeit verrinnt – und mit ihr wächst das Haar unaufhörlich weiter. Es ist wieder so weit: ein Besuch beim Friseur. In Malaysia sind es seit jeher die indischen oder sri-lankischen Barbiere, die das Handwerk beherrschen. Ich habe sie alle ausprobiert: die traditionsbewussten Inder, die modernen, aufgestylten chinesischen Salons. Doch am Ende zieht es mich immer wieder zu den Indern zurück.
Früher war ich einfach in den kleinen Salon gleich neben meinem Hotel gegangen. Bequem, vertraut, unspektakulär. Aber heute überkommt mich der Wunsch, einen anderen aufzusuchen. Vor zehn Jahren war ich einmal in dem Salon eines älteren Herrn – er schnitt nicht nur, er rasierte auch. Ein Handwerker alter Schule. Ob er wohl noch arbeitet? Ein kurzer Blick ins Internet, und tatsächlich: den „Salon Ruby“ gibt es noch. Nur die Adresse hat sich geändert. Ist er es noch – oder ist er längst im Ruhestand?
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| Salon Ruby |
Hier nimmt man keine Termine. Man geht hinein, schaut, ob Platz ist, wartet – oder kommt wieder. Ich trete über die Schwelle. Der neue Laden wirkt enger, beinahe schmal, doch die Atmosphäre ist unverkennbar dieselbe. Alte Stühle, Patina, ein Geruch von Haaröl und Rasierwasser. Und da sitzt er: der alte Mann, der Meister. Er muss inzwischen weit über siebzig sein. Hoffentlich zittert seine Hand nicht. Zur Sicherheit verzichte ich heute auf die Rasur. Erst einmal den Test bestehen.
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| Hier steht das gute Stück aus den 1950er-Jahren: Alles wie damals und funktionstüchtig |
Ich sinke in einen der alten Ledersessel. Später erfahre ich: sie stammen noch von seinem Vater. Der erste kam 1950, zwei weitere in den Siebzigern. Alle stehen nebeneinander, wie Veteranen, die ihre Pflicht getan haben – und doch ist es immer nur der erste, der wirklich noch zum Einsatz kommt. Auf diesem Stuhl fühlt es sich an, als wäre die Zeit stehen geblieben. Für einen Moment bin ich wieder Kind.
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| Kein Plastik. Gusseiserne Qualität aus Tokyo. |
Das Schneiden hier folgt einem anderen Rhythmus. An der Wand hängen ausgeblichene Poster mit zehn Frisuren, Köpfe wie aus einer längst vergangenen Modezeitschrift – eine stumme Verständigungshilfe für Kunden ohne gemeinsame Sprache. Ich tippe auf „Modell 6“. Ein jugendlicher Haarschopf mit Fülle und Glanz. Unmöglich, denke ich, und lächle. Doch der alte Mann schneidet unbeirrt. Weniger Maschine, mehr Schere. Keine Waschbecken, höchstens ein Spritzer Wasser gegen die Trockenheit. Zum Schluss wechselt er routiniert die Klinge, fährt mir sanft den Nacken entlang, massiert kurz Schläfen und Genick. Ein Sprühstoß Eau de Cologne aus dem altmodischen Glasflakon mit dem Gummiball – frisch, scharf, ein Duft aus einer anderen Zeit.
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| Wenn man zu sehr schwitz hilft nur Pudern. Der Elefant (im Spiegel) darf natürlich nicht fehlen. |
Dann hält er mir den Spiegel hin. Für einen Augenblick erkenne ich mich kaum wieder. Ein Fremder, ein neuer Mann – und zugleich derselbe wie früher.
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| Der Meister mit seiner Kreation. |





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